Die Kirche als Baustelle.

Im Zentrum des Kolloquiums soll die vergleichende wie die detailgenaue, spezifische Analyse der gesellschaftlichen und künstlerischen Bedeutung von Bauprozessen stehen. Diese wären in ihren jeweiligen Ausprägungen, Strategien und ästhetische Auswirkungen darzustellen, wobei die Aspekte von Partizipation und die Techniken der Verweigerung von besonderem Interesse wären.

Im Projekt „Kirche als Baustelle. Großstädtische Sakralbauten im Mittelalter“ wird erkennbar gemacht, dass Planungs- und Bauprozesse mittelalterlicher Kirchen weitreichende Bedeutung als Katalysatoren bei der Dynamisierung und Stabilisierung kommunaler Ordnung besaßen.

Die Städte bilden den Ort für diese Untersuchung, weil in ihnen besonders viele Personen, Gruppen und Institutionen präsent waren, welche Interesse am Bau der jeweiligen Kathedrale oder Stadtpfarrkirche hatten. Zugleich waren die Initiatoren und Hauptakteure zumeist nicht in der Lage, einen solchen Bau vom Anfang bis zum Ende vollständig aus eigener Kraft zu errichten. Daher erforderte der Aufwand zum Bau jener großen Kirchen die Beteiligung vieler, welche sich besonders durch den Verweis auf die sakrale Bedeutung des Gebäudes mobilisieren ließen. Solange diese Sakralität nicht in Frage stand – also bis zur Zeit der Reformation – regten sich stets mannigfältige Ansprüche und Bedürfnisse, an der Transzendenz teilzuhaben, die Kirchengebäuden innewohnt. Diese Immanenz machte Kirchen bis ins 15. Jahrhundert zu „Transzendenz-Ressourcen“. Gleichzeitig bot das Engagement für den Kirchenbau Gelegenheit, den Gemeinsinn von Personen, Gruppen oder Institutionen zu demonstrieren.

Der Bauprozess war die entscheidende Phase, in der sich beim Einbringen gemeinsinnigen Engagements die jeweiligen gesellschaftlichen Arrangements institutionell wie visuell aushandeln ließen. Daraus resultierte sicher die generelle Bereitschaft, Kapital, Zeit, körperliche und geistige Arbeitskraft in den Bau einer Kirche zu investieren. Zudem wurde das Bauwerk über die Grenzen einer Stadt hinaus – wie auch in ihrem Inneren – als Resultat permanenter gemeinsinniger Aktion erkennbar, das die erfolgreiche Stabilisierung einer gesellschaftlichen Ordnung visualisierte. Bau und Bauprozess konnten für einzelne Gruppen ein identitätsgenerierender Faktor sein und damit wiederum zu deren Eigentranszendierung beitragen: Je mehr beispielsweise eine einzelne Zunft den Bau der Stadtkirche unterstützte, desto größer war ihre Geltungsbehauptung und desto weniger war sie angreifbar.

Die Teilhabe am Kirchenbau als Transzendenz-Ressource ließ sich aber nicht nur ausdehnen, sondern auch einschränken. Gerade weil die Partizipation vielfältige Chancen des Aufstiegs bot und damit zur Dekomposition des bestehenden sozialen Gefüges beizutragen vermochte, gab es stets Versuche, dies zu verhindern, indem die genannten Einwirkungsmöglichkeiten beschränkt, völlig unterbunden oder wenigstens in ihren Folgen für den Bau unsichtbar gemacht werden sollten.

Im Forschungsprojekt werden deshalb sowohl Verflüssigungen wie Verfestigungen, Öffnungen wie Begrenzungen untersucht, die sich aus den Möglichkeiten des sozial diffusen Engagements während des Bauprozesses mittelalterlicher Kirchen ergaben. Entsprechend besser als bisher kenntlich gemacht werden die Motive für die symbolische Bedeutung von Planungs- und Bauprozessen, der Inszenierung von Geschichtlichkeit mittels entsprechend heterogener Gestaltungsweise, aber auch von deren Verweigerung durch stilistische Homogenisierung des Baukörpers trotz uneinheitlichen Bauverlaufs.

► Rückblick zur Tagung „Kirche als Baustelle – Große Sakralbauten des Mittelalters”

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